Flipper → Williams

Williams · 1979

Time Warp

Time Warp, Backglas

Der Time Warp ist einer der beiden Flipper, die von Williams mit Bananenflipperfingern ausgestattet wurden. Nachdem der Disco Fever ein Jahr zuvor mit dieser Neuerung Aufsehen erregte, versuchte Williams beim Time Warp an diesen Erfolg anzuknüpfen. Da Williams sich dieses Flipperfingerdesign hat patentieren lassen, konnte auch kein anderer Hersteller dieses Designfeature einsetzen. Trotz seines eigenwilligen Designs (nicht nur der Flipperfinger) wurde auch der Time Warp ein Erfolg. Allerdings war auch er (wie fast alle noch folgenden Modelle) weit davon entfernt, die Verkaufszahlen des neun Monate zuvor erschienenen “Flash” zu erreichen.

Das Design des Flippers steht unter dem offiziellen Werbeslogan “Where future and past collide” (Wo Zukunft und Vergangenheit aufeinandertreffen). Das grafische Thema mischt Mythologie, Weltgeschichte, Fantasy und Science-Fiction. Auf dem Gehäuse und dem Spielfeld tummeln sich unter anderem Dinosaurier, Höhlenmenschen, futuristische Raumschiffe und ein markanter Zeitzauberer. Entworfen wurde das Artwork von Constantino Mitchell und Jeanine Mitchell. Constantinos versteckte Signatur lässt sich auf der Rückseite des Kopfteil-Glases (Backglass) direkt hinter dem Handschuh des Zeitzauberers finden. Das Backglass zeigt eine Abbildung von Leonardo da Vincis Vitruvianischem Menschen. In der Flipper-Community gilt dies als die vermutlich einzige Darstellung männlicher Nacktheit auf einem Flipperautomaten eines großen Herstellers.

Obwohl Barry Oursler als Designer des Spielfelds gilt, ging die Idee mit den geschwungenen „Banana Flippers“ gar nicht auf sein Konto. Laut Berichten aus der Flipper-Historie war es das obere Williams-Management, das die Bananen-Finger unbedingt im Gerät sehen wollte – man erhoffte sich ein revolutionäres, neues Spielgefühl, das die Konkurrenz alt aussehen lässt. Oursler selbst war von der Idee mäßig begeistert, da sie das von ihm mühsam ausbalancierte Schuss-Layout völlig unberechenbar machte. Er behielt recht: Der heftige Gegenwind von Spielern und Aufstellern zwang Williams dazu, die Reißleine zu ziehen, womit der Time Warp das letzte Gerät der Flippergeschichte blieb, das jemals mit Bananen-Flippern ausgeliefert wurde.

In den USA der späten 1970er Jahre waren die Sittenwächter rigoros, wenn es um Spielautomaten für Jugendliche ging. Freizügige Frauen-Artworks auf Flipper-Kopfscheiben gab es zwar zuhauf, aber Mitchells Integration von Da Vincis Vitruvianischem Menschen war ein genialer Coup. Da es sich um „klassische, historische Kunst“ handelte, konnten die Zensoren das Gehäuse nicht verbieten. Die Flipper-Community amüsiert sich bis heute darüber, dass Williams damit das Kunststück gelang, den vermutlich einzigen komplett nackten Mann der Flippergeschichte ungehindert in Amerikas strikte Spielhallen zu schmuggeln.

Das Spiel beginnt am oberen Spielfeldende. Dort befinden sich drei Lanes (A-B-C), welche den Wert des “Bulls Eye Target” bis zum Extraball erhöhen, sowie ein Kugelfangloch mit verschiedenen Wertungsstufen. Darunter finden sich insgesamt fünf Schlagtürme. Ungefähr auf gleicher Höhe hat Williams an der rechten Seite ein weiteres Kugelfangloch platziert. Hier kann der Spieler z.B. den Bonus addieren lassen.

Ungefähr auf der Hälfte des Spielfeldes befinden sich dann zwei Targetbänke mit drei bzw. fünf Targets. Hier kann der Spieler hohe Wertungen und Bonuspunkte erzielen. Die 5er Targetbank erhöht den Bonusmultiplikator (2x, 3x, 5x, 10x). Der Bonus zählt beim Time Warp nur bis maximal 12.000 Punkte. Allerdings kann der Spieler damit beim 10-fachen Multiplikator schon 120.000 Punkte erreichen. Man darf auch nicht vergessen, dass der Time Warp nur über eine 6-stellige Anzeige verfügt.
Ganz an der rechten Seite, fast parallel zum Abschuss, befindet sich dann noch die Bahn zum “Bullseye Target”. Hier gibt es den Extraball zu erspielen.
Den Abschluss des Spielfeldes nach unten bilden dann die Bananenflipper, welche dem geübten Spieler erlauben, mit jedem Flipperfinger nahezu jeden Punkt des Spielfeldes zu erreichen.

Ein Blick in alte Servicemagazine der Automatenbranche von Anfang 1980 enthüllt einen kuriosen Produktionsfehler: Auf dem originalen Schalt- und Bauplan von Williams waren pro Slingshot (die dreieckigen Schlagkontakte über den Flipperfingern) eigentlich vier Haltestifte (Posts) vorgesehen. In der Fabrik wurden jedoch fälschlicherweise bei allen Geräten nur drei Stifte verbaut. Dadurch spannte das Gummi falsch und die Flipperkugel blieb regelmäßig in einer Lücke auf der linken Seite unrettbar hängen.
Da Williams keine offiziellen Ersatzteile schickte, halfen sich die Aufsteller in den Spielhallen selbst. In einem offiziellen Service-Leitfaden wurde den Technikern damals allen Ernstes empfohlen, einen einfachen Zimmermannsnagel in das Spielfeld zu schlagen, um das Gummi ein Stück nach außen zu ziehen und den Ball-Stau zu beheben.

Wer heute einen Time Warp im Originalzustand restaurieren möchte, steht vor einem farblichen Rätsel. Ab Werk wurde der Flipper mit pulverblauen (eisblauen) Flippergummis ausgeliefert, die farblich perfekt auf das psychedelische Spielfeld abgestimmt waren. Da diese Gummis jedoch nur für zwei Williams-Modelle produziert wurden, stellten Zulieferer die Produktion schnell ein. Heute sind originale blaue Gummis praktisch unauffindbar, weshalb Sammler meist auf Standard-Gelb oder Schwarz ausweichen müssen – ein Graus für jeden Hardcore-Puristen!

Technisch gesehen ist der Time Warp ein Standardgerät der damaligen Zeit. Auch in dieser Maschine finden sich alle Platinen der System-6-Serie.
Bemerkenswert ist noch, dass Williams den Time Warp nicht mit optischen Effekten ausgestattet hat und das, obwohl genau diese zum großen Erfolg des Flash beigetragen haben. So gesehen ist der Time Warp dann eher ein Gerät der “alten Schule”.

Time Warp, Backglas
Backglas · Zoom
Time Warp, Maschine
Maschine · Zoom